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Zu meiner Sprachwahl: Warum "Mensch mit Vulva"

Dir wird auffallen, dass ich, wenn möglich, von Partnern (im Plural) schreibe und spreche. Ich bevorzuge diese Schreibweise im Vergleich zu sperrigeren Varianten, die vor allem im Dativ und Akkusativ komplizierte Konstrukte bilden. Ich möchte mit dieser Sprachwahl explizit Menschen ansprechen, die einen weiblichen, männlichen oder non-binären/ diversen Partner bevorzugen, aber auch die, die mehrere Partner (jeglichen Geschlechts) bevorzugen. Diese Sprachwahl wähle ich rein aus Gründen der besseren Lesbarkeit.


Warum „Mensch mit Vulva“/„Mensch mit Penis“? Wir sind alle Menschen — hauptsächlich und vorrangig. In meinen Augen ist das Geschlecht zweitrangig und definiert uns nicht. Ich bin der festen Ansicht, dass die Unter- schiede innerhalb aller Geschlechter deutlich größer sind als die zwischen den Geschlechtern. Viele Unterschiede, die wir als fest gegeben erleben, sind eher Produkte unserer Umwelt und unserer Kulturen. Die Begriffe Mann und Frau sind mit unendlich vielen Glaubenssätzen, Werten, Vorurteilen und Erwartungen besetzt. Was ist ein „echter“ Mann? Was bedeutet es, eine Frau zu sein? Wie muss ich mich in Gegen- wart von Männern verhalten? Bin ich zu weiblich? Und was verbinde ich mit denen, die diese Geschlechterrollen nicht annehmen, oder die ihnen entwachsen sind? Eine neutrale Außenperspektive kann uns helfen, die Metaebene zu erreichen und die Dinge neutraler und klarer zu betrach- ten. Bewusste Sprache ist ein konkretes Mittel, in die Außenperspektive zu wechseln und damit Glaubenssätze, Werte, Vorurteile und Erwartun- gen als solche zu erkennen und vom Gesagten zu trennen. Sprache ist wichtig, weil sie unsere Wirklichkeit formt. So können wir z. B. einen „Menschen mit Depression“ als solchen bezeichnen oder als „Depressiven“. Welchen Unterschied macht das? Was weißt du über den „Depressiven“? Was macht ihn oder sie noch aus? Welche Erlebnisse hatten wir mit „Depressiven“? Welche Vorurteile haben wir? Ein Mensch mit Depression ist mehr als seine/ihre Krankheit – oder eben auch sein/ ihr Geschlecht. Sprache kann uns dabei helfen, das wahrzunehmen. Ich biete diese Sprache in meiner Praxis und meinen Vorträgen an. Ich zwinge sie nicht auf. Im Gegenteil: Gerade in der klinischen Praxis ist es wichtig, sich der bevorzugten Sprache eines/einer Klient:in anzupas- sen. Und das tue ich. In meinen Augen müssen sich Sex-Coaches mit allen Sprachebenen auskennen: den medizinischen Fachbegriffen (z. B. Labia Minora), den neutralen Begriffen (z. B. Vulvalippen) und den um- gangssprachlichen Ausdrücken (z. B. Muschilippen). Im Rahmen meines Bildungsauftrags ist es mir aber auch wichtig, auf die Unterschiede und Wirkungen von Sprache hinzuweisen und neue Begrifflichkeiten anzubieten.

Außerdem verwende ich Vulvalippen und -hügel anstelle der veralteten Ausdrücke Schamlippen und -hügel. Nachdem ich in der klinischen Praxis immer wieder mit den negativen Auswirkungen von Gefühlen wie Scham oder Schuld gearbeitet habe, möchte ich vermeiden, dieses Gefühl noch mit jedem Mal, bei dem wir Teile unseres Körpers damit bezeichnen, tiefer in unserem Unterbewussten zu verankern.


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